Dienstag, 3. Januar 2012

Gesichtet: Sleep Tight

Sleep Tight
OT: Mientras Duermes
Spanien 2011 
Filmstart: 29.03.2012









Wie abgrundtief böse kann ein Filmcharakter sein? Wie dunkel können die Geheimnisse eines Filmbösewichts sein und wie grausam kann man all dieses Elend inszenieren? Regisseur Jaume Balaguero kreiert mit Spaniens Schauspielstar Luis Tosar als Misanthrop César den ultimativen Antagonisten. Eloquent, adrett gekleidet, freundlich, zurückhaltend und zu einem gewissen Grad auch bemitleidenswert. 
Und dennoch wünscht man sich César würde vom Hochhaus-Dach springen, wenn er in seinem fast täglichem Ritual auf die Brüstung steigt und sich das Leben nehmen will — die Welt wäre ohne ihn doch viel besser. Fast täglich? Ja, César hat ein ernsthaftes Problem: Er ist traurig und kann einfach nicht fröhlich sein. 


Das einzige was den Concierge ein wenig aufheitert und seinem Leben einen Sinn gibt, ist das Leid anderer. „Ihr scheiß Lächeln, werde ich ihr noch austreiben“ flüstert er seiner am Inhalator hängenden Frau Mama auf dem Krankenhausbett ins Ohr. „Ob er dieses Mal wohl übertrieben hat?“ fragt er die kranke Mutter. Plötzlich schiessen ihr Tränen ins Gesicht. Man kann nur erahnen, was ihr sadistischer Sohnemann wohl verbrochen haben muss, dass sie so röchelnd auf dem Sterbebett dahin siecht. 


Zurück ins luxuriöse Wohnhaus mit seinen reichen Mitbewohnern. Da wäre eine ältere, allein lebende Dame, die ausser ihren Hunden nicht viele Freunde hat. Ihr Leben ist ohnehin schon schlecht genug, den Hausbesitzer macht man schon fertig, wenn seine Blumen auf dem Dach nicht richtig gegossen werden, nur die wunderschöne, dauer grinsende Clara wacht einfach nie mit schlechter Laune auf. Da muss nachgeholfen werden. Was wie ein böser Jungenstreich beginnt, wird mit der Zeit immer radikaler, intriganter und endet in einem subtilem Blutbad. „Rec“—Regisseur Jaume Balaguero spielt immer wieder mit unseren Erwartungen, zieht sogar ein minderjähriges, „Hardcore-Porno“ geiles Mädchen mit in die dunkle Geschichte und setzt immer wieder einen drauf, wenn man denkt das schlimmste wäre schon erreicht. „Sleep Tight“ entpuppt sich als waschechter Horror-Geheimtip für 2012. 


Und auch im richtigen Leben sind sich die beiden Hauptdarsteller nicht unbekannt. Luis und Marta spielten seit 2002 schon in 6 Kinoproduktionen mit und sind schon lange ein Paar.  Für den Film „Cell 211“ wurden beide mit dem spanischen Oscar, dem Goya, ausgezeichnet, er als Hauptdarsteller und sie als Nebendarstellerin. 


Luis tourt nebenbei noch mit seiner Band „The Ellas“ durchs Land und man mag für Marta nur hoffen, dass der charismatische Schauspieler keine von Cesars Eigenschaften nach Drehschluss mit nach Hause nimmt. 



TRAILER:




80%

Montag, 2. Januar 2012

Gesichtet: Revenge A Love Story



Revenge: A Love Story 
OT: Fuk Sau Che Chi Sei
HK: 2010 
90 Minuten 
Darsteller: Juno Mak, Sola Aoi, Tony Ho 
Regisseur: Ching-Po Wong 








China und Japan haben bekanntlich nicht gerade die friedlichste Beziehung zueinander, doch die Kunst überwindet jede noch so große politische Grenze: In REVENGE A LOVE STORY trifft ein, im echten Leben, chinesischer HK-Pop-Superstar auf eine japanische Kult-Pop-Art-Porno-Schnecke. 




Wer sich jetzt denkt: "Moment -- den kenne ich doch." Klar, Juno Mak kennt man von Hong Kongs Pop-Musik-Bühnen: 








Und wem Sora oder Sola Aoi bekannt vor kommt, der erinnert sich an sie wohl auch eher in solchen Posen:





Hach ja -- es knisterte von Anfang an bei den beiden Turteltäubchen. Das ist auch in den nicht ganz so drastischen Szenen ihres gemeinsamen Cat III Actionkrachers zu sehen. Mak spielt den schüchternen Imbißverkäufer und Aoi die etwas zurückgebliebene Dorfschönheit die vor den Augen ihres Freundes von dem kompletten Hinterwäldler Kleinstadtbullen-Revier vergewaltigt wird. Schon lange sind die Bösewichte nicht mehr in der sozialen Unterschicht oder bei Migranten zu suchen. In den Filmen des neuen Jahrtausends ist es der Staat, der seine Killer los schickt, die großen, multinationalen Konzerne, die Frauen und Kinder ermorden lassen oder eben die eigene Staatsmacht die verteufelt wird. Natürlich schreit die Vertuschung der radikalen Vergewaltigung nach Rache und die kommt ultra hart und blutig daher.




Regisseur Ching-Po Wong inszeniert mit „Fuk Sau Che chi Sei“ eine visuell poetisch anmutende Gewaltorgie in unterkühlten Blau – und Grautönen, bei der eine Zeitlupen-Verfolungsjagd zu einer atemraubenden Erfahrung werden kann, bei der keine Einstellung wirklich überflüssig wirkt, alle Schauspieler intensiv spielen dürfen und auch die Erzählstruktur in Zeitsprüngen durchaus Sinn macht. Ein knallharter Thriller der zwar nicht mit intelligenten Wendungen oder tiefgründigen Auflösungen punkten kann, dafür aber durch seine visuelle Wucht und seiner beinharten Geschichte noch lange nach der Sichtung im Kopf des Rezipienten bleiben wird.


70%


Montag, 14. November 2011

Ein Chinese zum Mitnehmen --> Oder verdammt schlechte Deutsche Filmtitel!


Guter Film → Scheiss Titel.
„Zwei mal Chinese zum mitnehmen“: Wer diesen Satz in den Armen seiner Freundin, oder nebst seinen Kumpels, ohne ihn in den eigenen Bart zu murmeln oder sich dabei unendlich scheisse vorzukommen, im Januar am Ticketcounter des Kinos seiner Wahl, aufsagen kann, der steht vor der armen Kino-Mitarbeiterin entweder unter Einfluss von Alkohol oder sonstigen Drogen. Was sich der Verleih bei der Übersetzung des original argentinischen Titels „Un Cuento Chino“, der ein Sprichwort beschreibt, dass soviel wie „eine erfundene oder unglaubliche Geschichte“ oder am ehesten noch mit „Das kommt mir spanisch vor“ zu vergleichen ist, gedacht hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. 


Aber auch die hiesigen Marketing-Damen und Herren scheinen den Konsum von Substanzen die laut Betäubungsmittelgesetz eher illegal ein zu stufen sind, nicht abgeneigt zu sein. Wenn man sich das offizielle Deutsche Poster zum Film ansieht, gibt es noch viel mehr solcher Sprachentgleisungen zu bewundern. Nicht nur der Titel, nein auch der geschmacklose Untertitel „Eine süß-saure Komödie“ grenzen schon fast an Rassismus. Man stelle sich nur einen Berliner Chinesen vor, der von dem 2012er Oscarkandidaten in irgend einem anderen Land gehört hat, vll. sogar von argentinischen Nachbarn im Nebenhaus und nun zum Deutschlandstart ins Kino gehen will. 

Welcher Chinese traut sich bitte, ob alkoholisiert oder sonst wie benebelt, an den Ticketcountern seines Multiplexes nach einer Karte seines Wunschfilmes zu fragen? Die einzigen die Spaß an solchen Dingen haben, werden wohl gelangweilte Neonazi-Gruppen sein, die dann aber nach der Sichtung des Films, wenn sie denn so lange aushalten, enttäuscht den Saal verlassen und süß-sauren Schabernack in ihrem Viertel aushecken. Wenn die niederen Sinne und Erwartungen nicht erfüllt werden, brennen die Nudelbuden. Ein Schreckensszenario, dass solch Marketing und Verleih-Profis aus den schnieken Agenturen in Mitte natürlich nicht vorhersehen konnten. Sie waren zu sehr damit beschäftigt aus Filmen wie „The Pope Must Die“ → „Ein Papst zum Küssen“ zu machen.

Ach ja. Ansonsten ist "Ein Chinese zum mitnehmen", der das einsame Leben eines kauzigen Misanthropen zeigt, welcher wiedererwartend einen obdachlosen Chinesen bei sich in der Wohnung aufnimmt, äußerst sehenswert.

Filmstart: 05. Januar 2012


Solche Szenen, die der Titel, die Untertitel und die Aufmachung des Plakates versprechen, werden nicht geboten und damit sollte doch spätestens seit "Breakfast at Tiffanys" auch schluss sein:





Geboten wird auf jeden Fall skurille Filmkost mit einer Priese schwarzen Humor!

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Gesichtet: "Anonymous"

Anonymous

Regie: Roland Emmerich

Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, David Thewlis

Kinostart: 10. November 2011

130 Minuten
Sony Pictures




Säufer, Hurenliebhaber und Analphabet — Ja, der echte William Shakespeare kommt in Roland Emmerichs „Anonymous“ nicht allzu liebenswert weg. Der echte? Genau, hier dreht sich alles um die Frage ob der bärtige Barde von Stratford-upon-Avon wirklich das Genie hinter der Geschichte des tragischen Lebens von „Hamlet“, der Liebe Romeos oder des blutigen Schaffens von König Heinrich V im Hunderjährigen Krieg ist. Tatsächlich weiß man ehrlich gesagt recht wenig über diesen Mann. Er war wohl der Sohn eines gänzlich ungelehrten Händlers und hatte seine akademische Ausbildung nur in einer Dorfschule. Tja und abgesehen von den Stücken die überliefert sind, gibt es keinerlei Manuskripte, Briefe, Tagebücher oder Gedichte die ihm zugeschrieben werden können.

„Anonymous“ gibt nun eine mögliche Antwort, verschachtelt in einer Komplexen Geschichte über Verrat, Freundschaft, Leidenschaft und Loyalität. Alles hinter dem Vorhang des Theaters der Londoner Bühne, versteckt hinter einer Liebeserklärung an Shakespeares Ouvre und angesiedelt im politischen Durcheinander des elisabethanischen Englands. Außerdem ist der Streifen auch einfach mal eine andere Herausforderung für den gebürtigen Stuttgarter Regisseur. Kein Budget von hunderten Millionen von Dollars, Emmerich musste sich bei den Dreharbeiten in und um Berlin mit schlappen 30 Millionen zufrieden geben.




Wortkarg, waren sie eigentlich immer — seine Charaktere. Alles oft recht emotionslose Statisten in bunten Weltuntergangs-Knallbonbons. Spaß hatte man trotzdem. Ob in dem düsteren No-Future-Szenario von „2012“, der Alieninvasion von „Independance Day“ oder dem Säbelzahntigerkampf in „10.000 BC“ — okay, bei dem vielleicht dann doch nicht. Trotzdem, es war immer die Zerstörung, die es Emmerich angetan hatte. Dialoge? Egal! Hauptsache es fliegt alle paar Minuten was in die Luft. Jetzt reden seine Charaktere viel miteinander. Ja, sie sprühen förmlich vor aufbrausenden, gigantischen Dialogblasen. Plötzlich füllt Emmerich eine Welt mit Leben anstatt es zu nehmen. Eine längst vergangene, aber durchaus vitale Welt. Sie strotzt geradezu voller Spielfreude, voller Musik, malerischen Sets und detailverliebten Kostümen. Ja, es ist das erste Mal, das er etwas kreiert und nicht vollkommen zerstört.

Die Frage nach der wirklichen Identität Shakespeares ist da die spannendste der vielen Geschichten die erzählt werden, wenn sich der einfältige Schauspieler William Shakespeare für seine nicht selbstverfassten Stücke vom Publikum wie ein historischer Rockstar feiern lässt, während sich der Graf von Oxford (der der wirkliche Urheber der Kulttheaterstücke sein soll) auf den Zuschauerrängen windet, weil er nicht zu seiner eigenen Poesie stehen darf, beweist Emmerich ein wundervolles Händchen für eine großartig, einfältige Inszenierung. 



Da hätte es nicht gestört, vielleicht den einen oder anderen Royal-Soap-Skandal besser unter den Tisch zu kehren, obwohl alle Akteure hier mit Rhys Ifans, Vanessa Redgrave oder Rafe Spall eine Glanzleistung abliefern. Und auch wenn man das Lichtspielhaus erst etwas verwirrt und vollgepackt mit Informationen verlässt. Mit der Zeit weiß man, das man es mit gutem Kino zu tun hat, es wächst das Interesse für das Thema und die Anerkennung für eine Regie-Leistung, die man eigentlich nicht erwartet hatte. Genau wie ein guter Wein, muss „Anonymous“ erst mal ein wenig im eigenen Geiste reifen, bis er seine kompletten Aromen entfaltet und als das angesehen wird, das er ist: Ein wirklich guter Kostümfilmblockbuster.




60%



Dienstag, 20. September 2011

Gesichet: Bullhead


Bullhead 
OT: Rundskop 
Regie: Michael R. Roskam  
Belgien: 2011 
Laufzeit: 120 Minuten 

Start: 24. November 2011 
















Willkommen in Belgien: Wir befinden uns im knapp 6.000 Seelen Dorf Limbourg im südwestlichem Belgien, der Provinz Lüttich. Und wer glaubt hier nur verödete Landschaften und Rinder zu finden, der hat nur zum Teil recht. Regisseur Michael R. Roskam zeigt in seinem, im Panorama der Berlinale gefeiertem, Debutfilm eine groteske Tragödie im Rinderzüchter-Milieu. In „Bullhead“ geht es um fiese Fleischhändler um die allgegenwärtige Hormonmafia, um Freundschaft, Schicksal, Vergebung, Sühne und Reue. Getragen wird diese Bürde von einem Shooting-Star des flämisch-belgischen Kinos: Matthias Schoenaerts. Der spielt sich mit gesenktem Haupt und plötzlichen Aggressionsattacken in preisverdächtige Gefilde. Als wortkarger Protagonist Jacky ist Schoenaerts jedoch alles andere als ein Sympathieträger, hormonabhängig und traumatisiert, fristet er ein einsames Leben. Als ihn ein Tierarzt mit mafiösen Fleischhändlern bekannt macht, muss er sich überlegen, ob er ins große Geschäft einsteigt.

Das Belgische Hormon-Noir sudelt sich im Matsch, robbt durch miefigen Dreck und die öde Weite der flämischen Landschaft. Man riecht förmlich den Tierkot, den Atem der Rinder und den Schweiß der Hauptdarsteller, wenn sie sich mal wieder gegenseitig die Köpfe einhauen. Ja, in Belgien scheint wirklich selten die Sonne zu scheinen, noch seltener als im Deutschen Depri-Sommer von 2011. Die Einwohner Limbourgs nehmen es mit dem Licht aber auch sonst wohl auch nicht allzu eng.  Regisseur Roskam entzieht seinen Bildern jegliche Farbschemen. Sonnenstrahlen und künstliche Beleuchtung wirken als grelles, blendendes Übel, sollten sie mal auftauchen. Und doch kann da auch mal ganz plötzlich eine posende Kuh im malerischen Magenta-Rot eines Sonnenaufgangs im Wald herumstehen, auch wenn es die Sonne nie bis ganz nach Oben schaffen wird. Ganz beiläufig beschäftigt sich Regisseur Roskam mit den Konflikten zwischen Flamen und Wallonen im Land. Dabei kommen die Wallonen im Süden eindeutig besser weg: frankophil veranlagt, bauernschlau und ein bisschen tollpatschig sind sie, aber alles in allem nicht wirklich übel, kauzige Landleute eben. Wahre Drecksäcke dagegen sind die von den Wallonen gern mal faschistisch genannten Flamen: Ihnen geht es allein ums große Geld und in ihren mafiösen Strukturen ernten sie nur Verachtung. Lose basierend auf dem im Jahre 1995 niedergestreckten Veterinärinspektor Karel Van Noppen, geht es auch in "Bullhead" um den Auftragsmord der Hormongangster.



Im ganzen Film wimmelt es an deutscher Markenware. Die Belgier scheinen sich beim Autokauf auf ausschliesslich deutsche Qualitätsware spezialisiert zu haben. Nicht nur, dass in den Dialogen immer wieder die neuesten BMW-Modelle angepriesen werden, der Bedarf an deutschen Blechboliden scheint so groß zu sein, dass auch noch Mercedes mit ins Boot musste und somit eine Komplettausstattung der Dörfer gesichert ist. Wer in keinem Statussymbol durch den Matsch kutschiert wird, der ist nichts. Aus den kleinen Spielunken und Restaurants schallen deutsche Schlager und wehe dir, du betrittst eine der Dorf-Dissen. Hier legt man für 2 Wodka-Shots einfach mal 20 Euro auf den Tresen und nur mit schniekem Hemd wird Einlass gewährt, doch auch das kann mal eben für 15 Euro vom Personal gekauft werden.  

Leider schwappt aber auch ein wenig der vorgestellten Ödnis auf den Zuschauer über. Während Hollywoodfilme von Szene zu Szene und Effekt zu Effekt hetzen, schleicht Regisseur Roskam in gediegenem Erzählton mit seinem Hitzkopf Jacky von plot point zu plot zu ploint.  Dennoch schafft er es mit seinem Debutfilm einen äußerst beklemmenden Thriller in einem realistischem Milieu ab zu liefern.


Bullhead startet im November unter dem Dach der Rapid Eye Movies, die sich eigentlich einen Namen mit verlorengegangenen Kultfilmen aus dem asiatischem Raum gemacht haben und hier einen kleinen Glücksgriff hatten.  

60%